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		<title>Gesellschaftliche Resilienz statt Wirtschaftswachstum</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Nov 2008 12:30:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Zeeb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Für eine Neuorientierung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft &#8220;Wirtschaftspolitische Strategie: Neues Wachstum, mehr Beschäftigung&#8221;, mit dieser Überschrift zum Gliederungspunkt 1.1 beginnt der Vertrag, den die Große Koalition 2005 ihrer Regierungstätigkeit voranstellte. Eine Momentaufnahme, die nicht nur zeigt, wie schnell ein Ziel zur Strategie werden kann, wenn es keine zielführende Strategie gibt. Sondern die gleichzeitig beleuchtet, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Für eine Neuorientierung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft</strong></p>
<p>&#8220;Wirtschaftspolitische Strategie: Neues Wachstum, mehr Beschäftigung&#8221;, mit dieser Überschrift zum Gliederungspunkt 1.1 beginnt der Vertrag, den die Große Koalition 2005 ihrer Regierungstätigkeit voranstellte. Eine Momentaufnahme, die nicht nur zeigt, wie schnell ein Ziel zur Strategie werden kann, wenn es keine zielführende Strategie gibt. Sondern die gleichzeitig beleuchtet, was tatsächlich die zentrale Größe ist, um die politisches Denken und Handeln kreisen. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, stehen Existenzen auf dem Spiel, persönliche wie politische. Heute, da die Rezession da ist, eine weltweite noch dazu, zeigt sich, wie begrenzt die Reichweite nationaler Politik ist, selbst wenn sie wüsste, wie stetiges Wachstum denn zu erreichen wäre. Die Rezepte der vergangenen Jahrzehnte, die Deregulierung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, die Vertaktung weltumspannender Produktionsketten, das Hebeln mit billigem Kredit, die Unterordnung wachsender gesellschaftlicher Bereiche unter die Herrschaft des Strebens nach immer höherer systemischer Produktivität waren sehr vordergründig erfolgreich. In dieser hoch vernetzten und komplexen Wachstumswelt, der bremsende, dämpfende und verzögernde Strukturen gezogen wurden, um Wirtschaft und Gesellschaft auf Hochleistung zu trimmen, treten wirtschaftliche und gesellschaftliche Verwerfungen jetzt kurzfristig, massiv und weltweit mit hoher Parallelität ein. Wenn die aktuelle Krise eines zeigt, dann, dass Wirtschaft, Politik und Gesellschaft mit Geschwindigkeit und Komplexität der Veränderungen überfordert sind und ihre Reaktionsfähigkeit an Grenzen stößt, von den Steuerungsmöglichkeiten redet schon gar niemand mehr.<br />
Doch ist nicht nur die Wirtschaft zum systemischen Risiko geworden. Der Menschheit expandierender Zugriff auf die Ressourcen des Planeten Erde hat Entwicklungen ausgelöst, die menschliche Gesellschaften weltweit vor immense Herausforderungen stellen:<br />
Der Klimawandel droht auf einen selbstverstärkenden Pfad abzugleiten, der in den kommenden Jahrzehnten weltweit verheerende Auswirkungen auf den Wasserhaushalt, auf alle Ökosysteme und damit insbesondere auch auf die Landwirtschaft hätte. Hunderte von Millionen Menschenleben sind, vorsichtig geschätzt, in Gefahr, doch die vorbeugende Klimapolitik ist bisher weltweit völlig unzureichend und in der öffentlichen Wahrnehmung wird der Klimawandel weiter verniedlichend als &#8216;Umweltproblem&#8217; eingeordnet.<br />
Innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre wird die Erdölförderung ihr Maximum erreichen (wenn sie es nicht schon erreicht hat) und sich aus geologischen Gründen nicht mehr steigern lassen. Der explodierende Ölpreis der Jahre 2007 und 2008, entscheidender Auslöser der Wirtschaftskrise, kann als Vorgeschmack gelten. Ohne vorbeugende Maßnahmen wird das Erdölmaximum die industrialisierte Welt im Mark treffen, denn Energie ist die bestimmende Größe im Wirtschaftsprozess. Über 90% der Transport- und Verkehrsmittel hängen von erdölbasierten Treibstoffen ab, von allen anderen Anwendungen ganz zu schweigen.<br />
Wirtschaftswachstum löst keines dieser Probleme, sondern verschärft sie im Gegenteil. Damit ist das Versprechen von Fülle, wie es hinter Wachstumshoffnung und Wachstumsglauben steht ein hohles geworden. Dass fortgesetztes Wirtschaftswachstum diese Funktion dauerhaft erfüllen könnte, war der große soziale Befriedungsmythos der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt die Entlarvung dieses Mythos&#8217; und die Aussicht auf fortwährende Knappheit und Unsicherheit wird den sozialen Frieden in höchstem Maße gefährden. Entsprechend stehen insbesondere die Industriegesellschaften unter immensem Veränderungsdruck. Es gilt nicht nur, die ökologischen Grenzen wieder einzuhalten, sondern dazu noch, den Wohlstand der Welt sehr viel weniger ungleich zu verteilen. Ein Ausbleiben vorbeugenden Handelns führt direkt in globale Katastrophen. Selbst entschiedenem Handeln bleibt kaum noch Zeit, den notwendigen, schier kompletten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbau zu bewerkstelligen. Deshalb gewinnt in der klimapolitischen Diskussion die Anpassung an die Klimafolgen schnell an Bedeutung. Dabei wird oft übersehen, dass es nicht damit getan ist, die eigene Existenz auf höhere Temperaturen oder häufigere extreme Wetterlagen einzustellen. In einer komplex vernetzten Welt mit internationalen Lieferketten, Weltmarktpreisen, Ferntourismus, Migration oder Terrorismus können auch Ereignisse an weit entfernten Orten zu weitreichenden Wirkungen führen. Es sind diese indirekten Folgen des Überschreitens ökologischer Grenzen, die das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in den kommenden Jahrzehnten zunehmend prägen werden, die im einzelnen zu antizipieren jedoch praktisch unmöglich ist.<br />
Die Kombination dieser ineinander verschachtelten Herausforderungen ist nicht weniger als eine zivilisatorische Bedrohung und legt deshalb nahe, gesellschaftliche Resilienz als ein neues leitendes Motiv für die Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft zu etablieren. Damit würde zwei Tatsachen Rechnung getragen: zum einen, dass auch in einem denkbaren optimistischen Szenario der Übergang zu einer dauerhaft tragfähigen Nachhaltigkeit von erheblichen Risiken begleitet ist, zum anderen, dass die Wahrscheinlichkeit pessimistischer Szenarien zunimmt.<br />
Gesellschaftliche Resilienz ist zu verstehen als die Fähigkeit eines Gemeinwesens, auch unter den Bedingungen systemischer Risiken trotz plötzlicher Schocks oder langsam wirkender Trends funktionsfähig zu bleiben. Die Debatte darüber, welche Funktionen eine Gesellschaft beibehalten müsste, um auch unter großem Anpassungsdruck noch als resilient gelten zu können, öffnet den Resilienzbegriff für die Formulierung ethischer Kriterien. In einer Situation der Knappheit und ohne Wachstum rücken dabei die Mindestkriterien sehr schnell in den Mittelpunkt. Wenn etwa ein bestehendes soziokulturelles Existenzminimum weiter gelten soll, dann können nicht wie bisher die Zuwächse verteilungsneutral verteilt werden, sondern müssen die Rückgänge verteilungskorrigierend verteilt werden.<br />
Das Streben nach gesellschaftlicher Resilienz sollte die beiden bisher vor allem diskutierten zielgerichteten Handlungsstränge umfassen: die konsequente Vorbeugung im Sinne strenger ökologischer Nachhaltigkeit gegenüber bekannten Risiken, und die Anpassung an die nicht mehr vermeidbaren direkten Folgen fehlender Nachhaltigkeit. Doch erscheinen zwei ausdrücklich ungezielte Ergänzungen notwendig: das Kultivieren von Vielfalt und ein Zustand hoch sensibilisierter, handlungsbereiter Wachheit. Sie verkörpern den Versuch, auf das in komplexen Systemen beinahe zwangsläufig zu erwartende Unerwartete zwar nicht direkt vorbereitet zu sein, aber doch auch in solchen Situationen aktionsfähig bleiben zu können. Der Nutzen von Vielfalt könnte sich etwa auf kulturelle Traditionen, Bildungsinstitutionen, ökonomische Optionen oder auch die simple Wertschätzung von Erfahrung und Erinnerung beziehen. Die handlungsbereite Wachheit dagegen, ist für eine Gesellschaft als Ganzes nur schwer zu fassen. Sie entsteht aus kulturellen Einstellungen und der Ausgestaltung langlebiger gesellschaftlicher Institutionen. Ein hohes Maß an gesellschaftlicher Teilhabe gerade auch für Einzelne und soziale Gruppen, die nicht der Kultur der Mehrheit zuzurechnen sind, erweitert nicht nur den Wahrnehmungshorizont sondern auch den Fundus an Ideen, aus dem bei Bedarf geschöpft werden kann. Deshalb ist für freie Gesellschaften mit stärker egalitärem Ethos anzunehmen, dass sowohl ihre Dauerhaftigkeit als Gemeinwesen als auch die Lebens- und Überlebenschancen ihrer Glieder höher sind als dort, wo diese Werte weniger weniger gelten.<br />
In dem Maße, wie das Denken in Resilienzkategorien sich beschleunigt ausbreitet, werden Gemeinwesen eher in der Lage sein, den Epochenbruch des Endes der industriellen Wachstumskultur zu bewältigen.</p>
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